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Woche 7 - Petra

Montag. Voller Vorfreude auf die neue Cutterin spazier ich in den WDR, guck auf den Tagesplan (der hängt im Flur aus) und bin enttäuscht: Da steht, ich soll nochmal zu Astrid gehn. Zu Astrid und Michael. Argh. Sie hatte darauf bestanden, dass ich nochmal zu ihr komme, weil ja noch ein paar Fotos vom USB-Stick zu importieren sind und sie das ja nicht alleine schafft. Also mach ich das. In den 8 Stunden werde ich 2 mal gebraucht. Tag vorbei.

Dienstag. Am Vormittag wird mein E-Piano geliefert, dafür hab ich frei bekommen. Ausschlafen, um halb 12 erst losfahren, Essen gehen und an die Arbeit!

Endlich zu Petra. Ihr langes weißes Haar weht im Wind, wenn sie läuft. Als sie das erste Mal selbstständig einen PC angemacht hat, war sie schon über 40. Damit hat sie gut 20 Jahre PC-Erfahrung, fast doppelt so viel wie ich. Doch das kann sie gut verstecken. Sie hat eigentlich ein anderes Schnittsystem gelernt und wurde jetzt auf AVID umgeschult. Sie ist langsam. Sehr langsam. Ich habe ständig das Bedürfnis, ihr die Maus aus der Hand zu schlagen um dann wild und schnell auf dem Bildschirm herumzuklicken.

Wir schneiden einen Beitrag für Ratgeber Recht. Barbara, total nette Frau, ist die Autorin. Es geht um Unternehmen, die Praktikanten ausnutzen - traumhaft. Würde der WDR doch endlich mal meine Kapazität richtig ausnutzen! Wir haben Zeitdruck. Es ist schon fast 2. Um halb 4 ist die Abnahme, dann muss der Film fertig sein. Zeitdruck und Petra - eine ungünstige Kombination. Eine unheimlich dicke Cutterin kommt Petra zu Hilfe. Wir sind zu viert im Raum - zu viel für Barbara. Als die Dicke wieder weg ist, muss sie kurz schluchzen, verlässt theatralisch den Raum, kommt verheult wieder: "Tut mir leid, das war grad etwas zu viel für mich. Wir schaffen das niiieeee in der Zeit und dann bin ich wieder die Dumme." Ich helfe noch bei einigen Effekten und der Musikauswahl. Um Punkt halb 4 sind wir fertig und drei wichtig aussehende Redakteure kommen herein, jeweils mit Notizblock in der Hand. "Dann zeigt mal her, was ihr da gemacht habt." (Subtext: "Na, Barbara, da können wir uns ja wieder auf was gefasst machen. Von dir haben wir ja schon lange nichts mehr gutes gesehen.") Doch wiedermal sind alle Befürchtungen umsonst gewesen. Die drei sind begeistert. Eine klitzekleine Anmerkung gabs noch zu irgendeiner unbedeutenden Kleinigkeit. Man will Barbara ja nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Sie strahlt den Rest des Tages über beide Ohren.

Mittwoch. Wieder zu Petra. Wieder Ratgeber Recht, diesmal mit zwei Autoren. Thema: Ein böser Anwalt, der sich darauf spezialisiert hat, für schmierige Unternehmen unkündbare Mitarbeiter und Betriebsräte loszuwerden. Ganz miese Nummer. Der lässt Leute verfolgen, zeigt sie wegen völlig unsinniger Vergehen an, verbreitet Gerüchte im Unternehmen, stellt gefälschtes Material ins Internet, das den betroffenen Mitarbeiter unvorteilhaft darstellt. Die Opfer sind oft einer jahrelangen Tortur ausgesetzt, an deren Ende sie meist aufgeben und kündigen - Ziel erreicht.

Die beiden Autoren, Hansi und Gerd, sind ein unschlagbares Team. Hansi ist zuerst da. Er macht eigentlich einen netten Eindruck, hat aber, wie ich noch erfahren werde, den ein oder anderen Aussetzer. Erst halte ich mich dezent zurück, Petra digitalisiert Archivmaterial, Hansi guckt zufrieden zu. Irgendwann ist Petra mal für ne Weile weg, da wird Hansi plötzlich ungeduldig: "Hmm, das Material brauchen wir eigentlich nicht. Ist alles unnötig." Ich fühle mich gerufen, beende die Aufnahme. Unnötiges Material - Nicht mit mir! "Eeeeeeeeeyyyyy," blafft Hansi mich an, "warte doch erstmal! Du kannst doch nicht einfach die Aufnahme beenden!" Ich setze unwillkürlich mein verdutztestestes Gesicht auf. "Aber du hast doch grad gesagt, das ist unnötig, oder nicht?" - "Jaaa, aber neiiin," quietscht er, "jetz können wir ja nichts machen!" Und nach einer kurzen Pause fügt er, wieder mit einer etwas tieferen und ruhigeren Stimme, hinzu: "Oder kannst du den nächsten Clip einlesen?" Ich schiele zu ihm herüber, beginne ganz vorsichtig zu nicken. "Ja? Kannst du das? Wenn ich dir nen Timecode sage, findest du dann die Stelle und kannst die einlesen?!" Mein als nüchtern klingend geplantes "Ja" muss in Wirklichkeit eher nach "Wer kann das bitte nicht? Das ist das einfachste, was man machen kann. Einen Timecode finden und einlesen. Das kann JEDES Kind! Was glaubst du wie doof ich bin? Nur weil ich Praktikant heiße, heißt das noch lange nicht, dass ich GAR NICHTS kann!" geklungen haben.

Also lesen wir noch ein paar Clips ein und natürlich passiert das, was jedem Autor passiert. Ein kleines, sich ständig wiederholendes Ritual, auf das ich bis jetzt bei jedem Autor gestoßen bin. Ich kann mir den WDR nicht ohne diese kaum erkennbare aber offenbar wichtige Verhaltensweise vorstellen, die sich jeden Tag viele Male irgendwo in einem der unzähligen Schnitträume abspielt. Ein schon millionenfach gesehenes Schauspiel, das doch jedes mal eine Premiere ist, frisch und unverbraucht, die bei jeder erneuten Aufführung ihren eigenen kleinen Zauber enfaltet. Und so steht es im ungeschriebenen Skript: Der Cutter oder in diesem Fall der Praktikant digitalisiert Filmmaterial von einer Kassette. Das Bild läuft währenddessen auf dem Monitor, der Autor schaut es sich nochmal an, obwohl er aus seiner Vorbereitung bereits gut kennt - er hat den Ausschnitt schließlich ausgesucht. Und wenn dann der interessante Teil vorbei ist, sagt er, leicht zögernd: "Das brauchen wir nicht mehr, da können wir rausgehen." Der Cutter oder in diesem Fall der Praktikant wartet noch drei Sekunden, ob er es sich anders überlegt und beendet die Aufnahme. Der Mausklick ist im Raum noch nicht ganz verhallt, da verkündet der Autor: "Ach nee, Moment, nimm das noch mit!" Der Cutter oder in diesem Fall der Praktikant sagt dann: "Jetzt bin ich schon raus, aber ich kann von kurz vorher nochmal anfangen," worauf der Autor erwidert: "Ach, nein, jetzt ist egal." - Damit ist diese Szene beendet, die Magie des Augenblicks klingt noch kurz nach und dann arbeitet man weiter, ohne je darüber zu reden, welchem übernatürlichen Phänomen man da gerade beigewohnt hat.

Gerd kommt herein, er ist eher der dominante Typ. Er meckert Hansi an, was für einen Mist er digitalisiert hat. Hansi ist beleidigt, schmollt. Schnell übernimmt Gerd die Führung, markiert sein Revier mit seinem Laptop, Hansi räumt das Feld, setzt sich zur Seite. Gerd lässt keine Gelegenheit aus, Hansi einen auf den Deckel zu geben. Gerd: "Hmm, wie findest du das? Können wir das so machen?" - Hansi: "Hm, wenn ich was vorschlagen dürfte, wir könnten..." - Gerd: "NEIN, wir machen das so. Ich find das gut." - Hansi: "Aber wir könnten auch..." - Gerd: "NEIIIIIIIN, wir machen das jetzt so, jetz nerv nicht!" Armer Hansi. Aber spätestens, als er mich dringend verdächtigt, seinen Kugelschreiber eingesteckt zu haben, gönne ich es ihm. ("IST DOCH NICHT WAHR, DA LÄSST MAN EINMAL SEINEN KUGELSCHREIBER LIEGEN, SCHON KOMMT SON PRAKTIKANT UND KLAUT DEN!!! oh, da ist er ja, sorry.")

Donnerstag.  Frei wegen Uni.

Freitag. Ein kurzer Beitrag für die Servicezeit, die meiste Zeit ist nichts zu tun. Ich lerne einen anderen Studenten kennen, der sein Voluntariat in den verschiedenen Redaktionen im WDR macht, ein ganzes Jahr lang. Wir vertreiben uns die Langeweile mit Lästern über Cutter, Redakteure und Autoren, über die lustigen Arbeitsabläufe, über das Arbeitsklima, über finanzielle Einsparmöglichkeiten und auf was für einfallsreiche Arten unsere GEZ-Gebühren verschwendet werden. Kurz vor Feierabend, Verwirrung, weil viele verschiedene Bänder mit verschiedenen Beschriftungen auftauchen, keiner weiß mehr genau, was wo drauf ist. Es ist mein letzter Tag im Schnitt. Ich verabschiede mich mit einem fröhlichen "Nicht mein Problem!"

1 Kommentar 19.4.10 20:52, kommentieren

Woche 6 - Zumindest kanns nicht schlimmer werden

Dienstag. Gut aus den Osterferien gekommen, hab ich heute einen Termin mit Stefan aus der Grafik-Abteilung. Er führt mich kurz herum. Wir kommen in ein riesiges Büro mit vielen tollen Mac-Arbeitsplätzen, hell scheint das Licht durch die Fenster, überall hängen schöne Poster an den Wänden. "So, das hier ist der interessante Teil, hier werden die ganzen Grafiken entworfen, hier arbeiten die Designer in einem wundervollen Klima und alles ist toll..." Juhu! Aber zu früh gefreut.

"... das ist wohl eher nicht der Bereich, in dem du arbeitest, für einen Techniker haben wir hier nichts zu tun." Wir gehen weiter, in einen abgedunkelten Raum mit vielen rauschenden Computern, es ist stickig, die Wände sind vergilbt braun, so wie der Teppich. "Und hier haben wir irgendwelche langweiligen Maschinen bla bla bla, hier wirst du dich wohl fühlen!"

Stefan führt mich weiter zu Bernd. Er ist Grafiker und der einzige in der Abteilung, der auch 3D-Effekte beherrscht. Er schüttet sich Kaffee in seine Tastatur, Stefan verschwindet. In den nächsten 20 Minuten entwickelt sich ein schleppendes Gespräch, während Bernd seine Tastatur auseinandernimmt und Taste für Taste reinigt. Dann zeigt er mir einige Animationen, die er für die Weihnachtszeit produziert hatte, mit Tannenbäumen und Schnee. Das sieht richtig gut aus. Das Fazit des Gesprächs ist jedoch, dass 3D zu teuer ist. Der WDR mag lieber 2D und daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern.

Stefan kommt wieder. "Ja, vielen Dank, wir melden uns dann, wenn wir dich brauchen." ... Bitte nicht.

Mittwoch. Ich muss wohl in den letzten Tagen einen unzufriedenen Eindruck gemacht haben. In der Dispo sagt man mir, ich wär bestimmt froh, wenn ich mal was anderes sehen würde. Darum werd ich heute ins Colormatching gehen. Colormatching ist leider so langweilig wie nötig. Es gibt im gesamten WDR nur 3 Menschen, die diesen Job machen und nur einen einzigen Raum, der dafür ausgerüstet ist. Ein Typ sitzt den ganzen Tag in einem völlig dunklen Raum vor einem Monitor und hat drei Knöpfe vor sich: Einen für Rot, einen für Gelb und einen für Blau. Er schaut sich eine Szene an, da ist ein bisschen Blau zu wenig. Er mischt etwas mehr Blau ins Bild. Schnitt. In diesem Bild ist ein bisschen Blau zu wenig. Er mischt etwas Blau dazu. Schnitt. Das nächste Bild hat einen leichten Rotstich. Er nimmt etwas Rot raus. Schnitt...

Donnerstag. Ich gehe zur Disposition und bitte drum, wieder irgendeinem Cutter zuschauen zu dürfen. "Ja wie, ich dachte, Sie sind jetzt erstmal im Colormatching?!" - "Öhm, ja nee, das war auch total spannend und so, aber ich öhm würd doch lieber wieder in den Schnitt."

Wird gemacht. Ich sitze bei Astrid, einer älteren Cutterin. Sie macht keinen Hehl daraus, dass dies ihr letzter Schnitt ist und dass sie weder Bock hat, irgendwas zu lernen noch sich irgendwie Mühe zu geben.

Wir schneiden einen Film für 3sat. Demnächst findet in Köln die Musiktriennale statt, ein mehrwöchiges Musikfestival mit vielen Veranstaltungen. Das Eröffnungskonzert wird live auf 3sat übertragen und während der Pause soll statt Werbung ein Film laufen, der die Musiktriennale vorstellt. Diesen Film schneiden wir.

Astrid hat zu Beginn ihrer Karriere Negativfilm geschnitten. Ich stelle mir sie mit Schere und Klebeband vor. Voll digitaler Schnitt am PC fällt ihr sichtlich schwer. Sie ist furchtbar langsam, vor allem der Doppelklick macht ihr Probleme. Ich sitze nervös daneben.

Michael ist noch nervöser. Er ist der Autor, der sich diesen Film ausgedacht hat. Er ist vielleicht 3 Jahre älter als ich und hat auch an der FH Düsseldorf studiert. Wir unterhalten uns kurz über die Professoren und finden uns innerhalb weniger Sekunden unsympathisch. Er ist ein Nervenbündel, trommelt auf dem Tisch, wackelt mit dem Bein, rollt mit dem Stuhl hin und her. Meine unerschütterliche Ruhe erträgt er nicht.

Er weiß ganz genau, wie der Film aussehen soll. Er hat auch Erfahrung mit dem AVID-Schnittsystem, hätte den Film wahrscheinlich in wenigen Stunden fertig. Aber er genießt es, Astrid zu quälen. Und so sind 5 Tage für den Schnitt angesetzt, was schon sehr sehr knapp kalkuliert ist. Ich sitze daneben, bringe hin und wieder eine Idee ein, die von Michael sofort abgewesen wird. Außerdem komme ich immer ins Spiel, wenn wir Fotos von Michaels USB-Stick auf den PC kopieren müssen. Das kann Astrid nämlich nicht. Ist auch wirklich schwer.

Freitag.  Das gleiche. Nur dass ich an diesen Tag keine Erwartung hatte. Ich gehe wieder in die Disposition, bitte darum, etwas mehr zu tun zu bekommen. Man stellt mir in Aussicht, dass ich nächste Woche mit Petra schneiden werde. Sie sei auch eine Cutterin, die am AVID wohl "noch nicht sooo fit" ist... Eine neue Herausforderung?

1 Kommentar 15.4.10 22:34, kommentieren

Rest Woche 5 - Musik

Montag. Wer die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach kennt, weiß, dass eine Aufführung in der Kölner Philharmonie, die mit 10 Kameras aufgezeichnet wurde, nicht leicht zu schneiden ist. Ich kannte sie nicht. Ich dachte: 10 Kameras, da wird wohl immer eine dabei sein, auf der ein gutes Bild ist, das man verwenden kann.

So leicht ist das nicht. Ich sitze mit Petra der Cutterin im Schneideraum. Herein tritt Herr Warwasz. Direkt wird es einige Grad kälter im Raum. Er hat Noten dabei, blättert auf Seite 1, setzt seine Brille auf und sagt mit Reich-Ranicki-Akzent: "Fangen wirrr an, wirrr haben nicht viel Zeit." Ich schaue auf die Uhr. Es ist Montag. Am Freitag wird erst gesendet. Wirrrrr haben massig Zeit.

Falsch gedacht. Eine Stunde später haben wir nichtmal 5 Minuten geschnitten. Wir haben 10 Videospuren und bereits einen Grobschnitt, der während des Konzerts live angefertigt wurde, genannt der Sendeausgang, kurz Saus. Daran könnte man sich orientieren. Könnte. Wenn der nicht so "grrrausam", "miserrrabel" und "schrrrecklich" geschnitten wäre, wie Herr Ober-General-Musik-Direktor-Fatzke Warwasz nicht müde wird zu betonen.

Auf der Bühne sind ein Chor, einige Holzbläser und Streicher. Die verschiedenen Kameras zeigen zum Teil Köpfe der Sänger ganz nah, zum Teil Gruppen von Geigern, eine zeigt die gesamte Bühne und eine zeigt den Dirigenten mit grauen zerzausten Haaren.

Ich sage während der ganzen 2 Stunden, die ich mir das antue, kein Wort. Herr Warwasz gibt den Ton an, Svenja schneidet eingeschüchtert. "Ich will alles nochmal sehen! ... Ahh, das ist ganz grrrausam! Da machen wir den Dirigenten hin!" Wir haben etwa 20 Minuten Arbeit in 2 Minuten Film investiert, nur um alles zu verwerfen und die ganzen 2 Minuten lang den Dirigenten zu zeigen. Ich flüchte zu Uschi und Ralf, der Rest des Tages wird gut.

Dienstag. Ich lege mich kurz nach dem Aufstehn auf die Couch, beschließe zu Hause zu bleiben, schlafe bis 12. Dann bin ich bis Feierabend bei Ebay und kaufe mir ein neues E-Piano.

Mittwoch. Standard-Tag. Der Provence-Film geht langsam auf sein Ende zu. Ralf brauchen wir nicht mehr. Wir fügen letzte Geräusche und Musikstücke ein. Abends geh ich Badminton spielen.

Donnerstag. Mit mörderischem Muskelkater, der sich von meinem rechten kleinen Finger über Arm, Brust, Bauch, Po und Beine bis in den letzten Winkel meines rechten kleinen Zehs zieht, komme ich zur Arbeit. Hätte ich doch in den letzten 5 Jahren mal irgendwann Sport gemacht. Uschi ist nicht da. Stattdessen begrüßt mich Biggi in unserem Raum. "Die Uschi kommt später. Ich muss hier in diesem Raum eben was machen, weil drüben bei mir das Gerät kaputt ist." Die Flut der technischen Fachbegriffe, deren Kenntnis sie mir nicht zutraut, erschlägt mich. "Sie sollen bitte mal zur Disposition gehen, die haben da wohl ne Aufgabe für Sie." Ich fühle mich alt, schreibe mir "Sie" auf die Stirn und schlurfe zur Disposition.

"Wir haben eine Ausspielung. Menschen bei Maischberger. Die Sendung ist fertig geschnitten, du müsstest sie nur auf eine Kassette spielen." Kann ich. "Ach ja, und du müsstest dir die Sendung angucken, wir haben keine technische Abnahme mehr. Einfach nur dabei bleiben, nicht, dass das Bild schwarz wird oder so." Wie? 45 Minuten fernsehen? Das hab ich ewig nicht gemacht. Wie schwer kann das sein.

Das Thema der Sendung lautet: "Ballkleider für Hunde, Psychotherapie für Katzen – Wie weit darf Tierliebe gehen?"

Zu Gast sind einige C-Prominente: Sonja Zietlow und ein RTL-Jungel-Camp-Opfer (die beiden sitzen nebeneinander, weil sie sich ja so gut kennen und verstehen. Jaja, der australische Dschungel schweißt Menschen zusammen), ein Tierfilmer, eine Frau, die irgendwo ein Luxus-Modegeschäft für Hunde aufgemacht hat ("Meine Chanel (so heißt der Hund) fühlt sich ohne Cashmere nicht wohl") und - ganz interessant - die Vorsitzende der deutschen Pelz-Kleidungsherstellervereinigung (oder so).

Es beginnt mit der verrückten Mein-Hund-braucht-Luxus-Lady. Ihr Köter Chanel ist 4 Jahre alt. Frau Maischberger kann sich folgenden Brüller nicht verkneifen: "Wenn Chanel bald 5 wird, nennen Sie sie dann Chanel No. 5?"

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde, dass ich mich zwingen muss, weiter zuzusehen. Ich setz mich an den PC, surfe ein wenig im Internet, höre aber weiter zu. Ich gehe einfach davon aus, dass solange der Ton läuft, das Bild nicht schwarz wird.

Sendetermin ist leider schon vorbei. Die Sendung gibts aber im Internet in der Mediathek von dasErste.de. Meine Empfehlung.

Nachdem die 45 Minuten durch sind, bringe ich das Band dem zuständigen Redakteur und geh zurück zu Biggi. Uschi ist da, sie hat den Raum bereits von sämtlichen Blumen, Vasen und Süßigkeiten befreit. "Heute is nix mehr. Mach Feierabend!"

Ganz bald fährt der Moderator Stefan Pinow mit einem Kamerateam in die Provence und dreht den Rest des Films. In 2 Wochen seh ich Uschi dann wieder, wenn wir diesen sogenannten Mod-Dreh schneiden.

Freitag. Karfreitag. Frohe Ostern! Am Abend schaue ich mir die Matthäus-Passion an. Nicht.

7.4.10 17:44, kommentieren

Woche 5 - :D

Nachdem die vergangene Woche ziemlich ereignislos zu Ende gegangen ist, startet diese mit einer Sonntags-22-Uhr-Schicht. Wie es dazu kam:

Wir sitzen immernoch am Provence-Film. (Sendedatum übrigens irgendwann im Mai erst.) Uschi, Ralf und ich. Wir sind ein gutes Team, finde ich. Ralf nörgelt über die Kollegen, über den viel zu hochbezahlten Kameramann, über alles und jeden. Uschi nimmts mit Humor und schneidet. Übrigens: Uschis Lieblingsspruch: Rin inne Kartoffeln, raus ausse Kartoffeln. Mindestens 3 Mal am Tag. Immer, wenn Ralf irgendwas über den Haufen wirft, wovon er gestern noch überzeugt war. Ich sitz im Hintergrund und suche passende Musik, Atmos und Geräusche aus der rieeeeesigen WDR-Datenbank.

Ralf hat eine CD rausgesucht mit funkyger Musik drauf. Die will er für das Museum für moderne Kunst in Arles verwenden. Er meint, wir würden nie erraten, wer der Komponist ist. Er behält Recht, wir erraten es nicht. Es ist Stefan Raab, der 1993 eine grüne CD mit Funk-Musik veröffentlicht hat. "Get Ready" heißt das gute Stück. Ich rippe es mir natürlich sofort und die mp3s kommen in den nächsten Tagen auf den iPod, um nochmal genau reinzuhören. (Natürlich nur zu Recherche-Zwecken. Im Anschluss lösch ich die Tracks gleich wieder...)

In dieser Datenbank findet man ALLES.

Geräusche: Wir suchen ein grunzendes Schwein. Mindestens 20 Ergebnisse. Junge quiekende Schweine im Stall. Junge quiekende Schweine im Freien. Junge quiekende Schweine im Freien mit Vogelzwitschern im Hintergrund. Schwein einzeln grunzend im Stall. Schwein einzeln grunzend im Freien. Schwein frisst. Schwein frisst und Bauer brabbelt vor sich hin. Korpulierende Schweine im Matsch. Korpulierende Schweine im Heu. Und so weiter...

Musik: Ich hab aus Spaß mal ein bisschen nach Jazz gesucht. Es ist eine Goldgrube. Uralte Sachen auf Schallplatte, ganz neue Sachen auf CD und als mp3. Nicht umsonst haben die ganze Etagen voll mit Ton-Archiv-Material. Da wird sicher noch einiges den Weg auf meine Festplatte finden... Zu Recherchezwecken.

Wir sitzen da also, nichts böses ahnend, da ruft die Disposition an. Kurze Erklärung: Die Disposition, das wusste ich vorher nicht, disponiert, was, wie der Lateiner weiß, verwalten, zuweisen oder einteilen heißt. Die Damen der Disposition teilen also Cutter den Projekten zu und Räume den Cuttern. Auch für mich sind die Damen verantwortlich. Wenn ich also einen Anruf von denen bekomme, heißt es meist was gutes, nämlich, dass ich in eine coole neue Sendung komme. Auch diesmal, wie es scheint. Ich solle doch bitte mal ins Büro kommen, dann könnten wir das besprechen. Also hinterlasse ich Uschi und Ralf meine Umrisse in Form einer Staubwolke und fitsche ins Büro.

"Die Matthäuspassion wird am Sonntag in der Philharmonie mit 10 Kameras aufgezeichnet. Ab 22 Uhr müssen die Videos dann auf den Server gespielt werden. Wir benutzen dafür das EVS-System, das ist vielleicht ganz interessant für dich, wenn du dir das mal anschaust." - Also sage ich zu. 22-24 Uhr klingt nach einer entspannten Schicht. Vor allem, weil ich dann am nächsten Tag n bisschen später kommen darf.

Dann einen Tag später, noch ein Anruf. Nochmal die Bitte, ins Büro zu kommen. "Wir brauchen öfter Leute, die diese 22-Uhr-Schichten machen. Wann fährt denn deine letzte Bahn?" - "Um 0 Uhr." - "Und die erste morgens?" - "Ööööhm.... Um 5 oder so?" - "Gut, würdest du das vielleicht machen wollen? So eine Schicht geht von 22-6 Uhr, das wäre 1 oder 2 mal die Woche. Wir würden dann da auch ein bisschen in dich investieren und dich richtig in das System einweisen. Kannste dir ja mal überlegen..."

Es ist Sonntag, kurz vor 22 Uhr. Ich habe mich bereits in den Heiligen Gefilden eingefunden. In der Tasche ist auch ein Glas Würstchen, das ich überteuert am Hauptbahnhof gekauft hab, vorrausschauend, da ich ja noch den Wachhund würde überlisten müssen. Ich warte auf den über 10 Minuten verspäteten Niklas (Jaja, die Spätschicht), den ich heut bei seiner "Arbeit" begleiten soll. Kleiner Typ mit Mütze, dreckiger Pulli, Mundgeruch. Sofort vermisse ich Uschi. Trotzdem schaue ich ihm aufmerksam bei der Arbeit zu. Er hat zwei kleine blaue Koffer dabei, mit Festplatten drin. Er schließt die eine Festplatte an den PC an, startet den Kopiervorgang und kommentiert das ganze mit: "Ja. Das ist der Job. Mit Süßigkeiten und Laptop gut zu ertragen." Jetzt wird er zweieinhalb Stunden hier rumsitzen. Danach wird er die zweite Festplatte anschließen und weitere zweieinhalb Stunden Zeit totschlagen. Ohne mich. Es ist kurz vor 11. Ich gehe.

1 Kommentar 29.3.10 01:29, kommentieren

Freitag & Montag - Herausforderungen

Freitag. Uschi ist krank. Magen Darm. So begrüßt mich ihre Kollegin Biggi, die ihren Spitznahmen nicht ihrem Körperumfang verdankt, obwohl man auf genau diese Idee kommen könnte. Uschi meinte wohl, ich solle einfach für sie übernehmen. Biggi bietet mir an, sie zu fragen, falls ich Hilfe brauchen sollte, damit verabschiedet sie sich. Ich warte einen Moment, bis sie um die Ecke ist, dann springe ich kurz vor Freude in die Luft. Endlich mal selbst ran! Die wichtigsten Funktionen hatte ich mir längst bei Uschi abgeguckt, weshalb die Arbeit keine Überforderung werden sollte. Ddwwwwoouuuuuuiiiiiiii. Der Raum ist an, der PC hochgefahren. Schon kommt Ralf herein. "Wo ist Uschi?" Seine Gesichtszüge fallen fast aus allen Wolken, als er erfährt, dass ein - *lach* - Praktikant seine Cutterin ersetzen soll. Er fragt mindestens dreimal nach, ob ich mich der Aufgabe wirklich gewachsen sehe. Ich bejahe wehement. Er ruft Uschi an, ob sie sich sicher sei, dass ich den Schnitt heute übernehmen kann oder ob er nicht doch besser einen Ersatzcutter besorgen soll. Sie redet ihm das zum Glück schnell aus und erzählt dann wohl noch einige Minuten von Einzelheiten ihrer Symptome.

Dann geht es endlich los. Ralf misstraut mir. Ich spüre, wie er mich heimlich aus den Augenwinkeln mustert, ob nicht doch irgendwas an meiner Mimik und Gestik eine minimale Unsicherheit entblößt, auf die er sich sofort stürzen könnte. Aber ich bin saucool. Er sagt mir an, welche Szenen er gerne hintereinander geschnitten hätte und ich bin überrascht, mit welcher Leichtigkeit ich das hinbekomme. Hier kürze ich ein paar Sekunden weg, dort füge ich einige Zwischenbilder ein. Ralf kann seine Überraschung nicht verbergen. Wir sitzen nebeneinander am Rechner und beobachten fasziniert die Ereignisse auf dem Bildschirm, die wie durch Zauberei von meiner rechten Hand dort hervorgerufen werden. Seine Erleichterung darüber, dass dieser Tag doch kein völliges Praktikanten-Desaster wird, drückt Ralf dadurch aus, dass er immer fordernder wird. Besser, schneller, "lass mich das sehen", "nein, der Schnitt muss später", "was hast du da jetzt gemacht?", "kannst du das nicht noch was kürzen?" Irgendwann wirft er ein: "Lass dich durch mich nicht hetzen oder nervös machen", worauf ich schlagfertig "ach, hehe, so leicht macht mich nichts nervös" entgegne und mir den Schweiß von der Stirn wische.

Und dann der Ultimative Test, die Mega-Prüfung, der Endgegner: "Der Clip hier, der ist in 4:3, kannst du mir den in 16:9 umwandeln?" Für den Bruchteil eines Augenblicks ist der Raum erfüllt von einer geradezu unendlichen Spannung. Würde ich es schaffen? Wie würde ich mich verhalten, wenn nicht? Würde ich nach dem Zufallsprinzip herumprobieren (wie es durchaus meine Art wäre) oder selbstsicher zugeben, dass ich das nicht hinbekomme und ihm somit eine Bestätigung für jeden seiner anfänglichen Zweifel liefern? Plötzlich sitze ich bei Günther Jauch auf dem Stuhl, der Quizmaster hat mir gerade die 1-Mio-Euro-Frage gestellt, alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich halte die Spannung noch kurz, dann folgen zwei Klicks und das Bild ist in einwandfreiem 16:9-Format. Sehe ich da bei Ralf ein Zucken im Augenwinkel, frage ich mich schmunzelnd. Dann mache ich erstmal Pause. Das viele Lästern und die ständige Nörgelei können mir diesen Tag nicht mehr vermiesen. Wir schaffen alles genau nach Zeitplan, ich nehme pünktlich und mit Dem-hast-dus-gezeigt-Blick die Bahn nach Hause.

Woche 4 von 20. Montag. Uschi ist wieder da. Nach einigen Privat-Telefongesprächen fangen wir an. Ich sitze wieder nur daneben. Nach dem überweltigenden Erfolg der letzten Woche wieder zum Nur-zuguck-Praktikanten degradiert, überlege ich mir, was ich Uschi unauffällig in den Kaffee tun könnte, dass sie morgen wieder nicht einsatzfähig ist. Mir fällt nichts ein. Ralf lästert. Alle paar Minuten kommt jemand rein um "kurz" mit Uschi zu quatschen. Als sie Pause macht, übernehme ich wieder für sie den Schnittplatz. Ralf lästert über Uschi und darüber dass alle paar Minuten Leute reinkommen und die Arbeit unterbrechen. Er wird mir immer unsympathischer.

Er macht etwas früher Feierabend und Uschi schneidet noch etwas weiter. Sie lästert über ihn, dass er sie viel zu wenig selbst machen lässt und dass andere Autoren viel lockerer sind und den Cuttern auch vertrauen und überhaupt, was der für Vorstellungen hat. Es gebe wohl sogar schon Cutterinnen, die sich weigern mit ihm zusammenzuarbeiten und wenn das so weiterginge, würde sie das auch nicht mehr lange so mitmachen. Ich beschließe, das auch nicht mehr lange so mitzumachen, mich möglichst bald bei anderen Projekten einsetzen zu lassen und Konjunktiv-Konstruktionen zu üben.

Feierabend.

1 Kommentar 22.3.10 19:51, kommentieren