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Freitag & Montag - Herausforderungen

Freitag. Uschi ist krank. Magen Darm. So begrüßt mich ihre Kollegin Biggi, die ihren Spitznahmen nicht ihrem Körperumfang verdankt, obwohl man auf genau diese Idee kommen könnte. Uschi meinte wohl, ich solle einfach für sie übernehmen. Biggi bietet mir an, sie zu fragen, falls ich Hilfe brauchen sollte, damit verabschiedet sie sich. Ich warte einen Moment, bis sie um die Ecke ist, dann springe ich kurz vor Freude in die Luft. Endlich mal selbst ran! Die wichtigsten Funktionen hatte ich mir längst bei Uschi abgeguckt, weshalb die Arbeit keine Überforderung werden sollte. Ddwwwwoouuuuuuiiiiiiii. Der Raum ist an, der PC hochgefahren. Schon kommt Ralf herein. "Wo ist Uschi?" Seine Gesichtszüge fallen fast aus allen Wolken, als er erfährt, dass ein - *lach* - Praktikant seine Cutterin ersetzen soll. Er fragt mindestens dreimal nach, ob ich mich der Aufgabe wirklich gewachsen sehe. Ich bejahe wehement. Er ruft Uschi an, ob sie sich sicher sei, dass ich den Schnitt heute übernehmen kann oder ob er nicht doch besser einen Ersatzcutter besorgen soll. Sie redet ihm das zum Glück schnell aus und erzählt dann wohl noch einige Minuten von Einzelheiten ihrer Symptome.

Dann geht es endlich los. Ralf misstraut mir. Ich spüre, wie er mich heimlich aus den Augenwinkeln mustert, ob nicht doch irgendwas an meiner Mimik und Gestik eine minimale Unsicherheit entblößt, auf die er sich sofort stürzen könnte. Aber ich bin saucool. Er sagt mir an, welche Szenen er gerne hintereinander geschnitten hätte und ich bin überrascht, mit welcher Leichtigkeit ich das hinbekomme. Hier kürze ich ein paar Sekunden weg, dort füge ich einige Zwischenbilder ein. Ralf kann seine Überraschung nicht verbergen. Wir sitzen nebeneinander am Rechner und beobachten fasziniert die Ereignisse auf dem Bildschirm, die wie durch Zauberei von meiner rechten Hand dort hervorgerufen werden. Seine Erleichterung darüber, dass dieser Tag doch kein völliges Praktikanten-Desaster wird, drückt Ralf dadurch aus, dass er immer fordernder wird. Besser, schneller, "lass mich das sehen", "nein, der Schnitt muss später", "was hast du da jetzt gemacht?", "kannst du das nicht noch was kürzen?" Irgendwann wirft er ein: "Lass dich durch mich nicht hetzen oder nervös machen", worauf ich schlagfertig "ach, hehe, so leicht macht mich nichts nervös" entgegne und mir den Schweiß von der Stirn wische.

Und dann der Ultimative Test, die Mega-Prüfung, der Endgegner: "Der Clip hier, der ist in 4:3, kannst du mir den in 16:9 umwandeln?" Für den Bruchteil eines Augenblicks ist der Raum erfüllt von einer geradezu unendlichen Spannung. Würde ich es schaffen? Wie würde ich mich verhalten, wenn nicht? Würde ich nach dem Zufallsprinzip herumprobieren (wie es durchaus meine Art wäre) oder selbstsicher zugeben, dass ich das nicht hinbekomme und ihm somit eine Bestätigung für jeden seiner anfänglichen Zweifel liefern? Plötzlich sitze ich bei Günther Jauch auf dem Stuhl, der Quizmaster hat mir gerade die 1-Mio-Euro-Frage gestellt, alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich halte die Spannung noch kurz, dann folgen zwei Klicks und das Bild ist in einwandfreiem 16:9-Format. Sehe ich da bei Ralf ein Zucken im Augenwinkel, frage ich mich schmunzelnd. Dann mache ich erstmal Pause. Das viele Lästern und die ständige Nörgelei können mir diesen Tag nicht mehr vermiesen. Wir schaffen alles genau nach Zeitplan, ich nehme pünktlich und mit Dem-hast-dus-gezeigt-Blick die Bahn nach Hause.

Woche 4 von 20. Montag. Uschi ist wieder da. Nach einigen Privat-Telefongesprächen fangen wir an. Ich sitze wieder nur daneben. Nach dem überweltigenden Erfolg der letzten Woche wieder zum Nur-zuguck-Praktikanten degradiert, überlege ich mir, was ich Uschi unauffällig in den Kaffee tun könnte, dass sie morgen wieder nicht einsatzfähig ist. Mir fällt nichts ein. Ralf lästert. Alle paar Minuten kommt jemand rein um "kurz" mit Uschi zu quatschen. Als sie Pause macht, übernehme ich wieder für sie den Schnittplatz. Ralf lästert über Uschi und darüber dass alle paar Minuten Leute reinkommen und die Arbeit unterbrechen. Er wird mir immer unsympathischer.

Er macht etwas früher Feierabend und Uschi schneidet noch etwas weiter. Sie lästert über ihn, dass er sie viel zu wenig selbst machen lässt und dass andere Autoren viel lockerer sind und den Cuttern auch vertrauen und überhaupt, was der für Vorstellungen hat. Es gebe wohl sogar schon Cutterinnen, die sich weigern mit ihm zusammenzuarbeiten und wenn das so weiterginge, würde sie das auch nicht mehr lange so mitmachen. Ich beschließe, das auch nicht mehr lange so mitzumachen, mich möglichst bald bei anderen Projekten einsetzen zu lassen und Konjunktiv-Konstruktionen zu üben.

Feierabend.

22.3.10 19:51

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