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Rest Woche 5 - Musik

Montag. Wer die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach kennt, weiß, dass eine Aufführung in der Kölner Philharmonie, die mit 10 Kameras aufgezeichnet wurde, nicht leicht zu schneiden ist. Ich kannte sie nicht. Ich dachte: 10 Kameras, da wird wohl immer eine dabei sein, auf der ein gutes Bild ist, das man verwenden kann.

So leicht ist das nicht. Ich sitze mit Petra der Cutterin im Schneideraum. Herein tritt Herr Warwasz. Direkt wird es einige Grad kälter im Raum. Er hat Noten dabei, blättert auf Seite 1, setzt seine Brille auf und sagt mit Reich-Ranicki-Akzent: "Fangen wirrr an, wirrr haben nicht viel Zeit." Ich schaue auf die Uhr. Es ist Montag. Am Freitag wird erst gesendet. Wirrrrr haben massig Zeit.

Falsch gedacht. Eine Stunde später haben wir nichtmal 5 Minuten geschnitten. Wir haben 10 Videospuren und bereits einen Grobschnitt, der während des Konzerts live angefertigt wurde, genannt der Sendeausgang, kurz Saus. Daran könnte man sich orientieren. Könnte. Wenn der nicht so "grrrausam", "miserrrabel" und "schrrrecklich" geschnitten wäre, wie Herr Ober-General-Musik-Direktor-Fatzke Warwasz nicht müde wird zu betonen.

Auf der Bühne sind ein Chor, einige Holzbläser und Streicher. Die verschiedenen Kameras zeigen zum Teil Köpfe der Sänger ganz nah, zum Teil Gruppen von Geigern, eine zeigt die gesamte Bühne und eine zeigt den Dirigenten mit grauen zerzausten Haaren.

Ich sage während der ganzen 2 Stunden, die ich mir das antue, kein Wort. Herr Warwasz gibt den Ton an, Svenja schneidet eingeschüchtert. "Ich will alles nochmal sehen! ... Ahh, das ist ganz grrrausam! Da machen wir den Dirigenten hin!" Wir haben etwa 20 Minuten Arbeit in 2 Minuten Film investiert, nur um alles zu verwerfen und die ganzen 2 Minuten lang den Dirigenten zu zeigen. Ich flüchte zu Uschi und Ralf, der Rest des Tages wird gut.

Dienstag. Ich lege mich kurz nach dem Aufstehn auf die Couch, beschließe zu Hause zu bleiben, schlafe bis 12. Dann bin ich bis Feierabend bei Ebay und kaufe mir ein neues E-Piano.

Mittwoch. Standard-Tag. Der Provence-Film geht langsam auf sein Ende zu. Ralf brauchen wir nicht mehr. Wir fügen letzte Geräusche und Musikstücke ein. Abends geh ich Badminton spielen.

Donnerstag. Mit mörderischem Muskelkater, der sich von meinem rechten kleinen Finger über Arm, Brust, Bauch, Po und Beine bis in den letzten Winkel meines rechten kleinen Zehs zieht, komme ich zur Arbeit. Hätte ich doch in den letzten 5 Jahren mal irgendwann Sport gemacht. Uschi ist nicht da. Stattdessen begrüßt mich Biggi in unserem Raum. "Die Uschi kommt später. Ich muss hier in diesem Raum eben was machen, weil drüben bei mir das Gerät kaputt ist." Die Flut der technischen Fachbegriffe, deren Kenntnis sie mir nicht zutraut, erschlägt mich. "Sie sollen bitte mal zur Disposition gehen, die haben da wohl ne Aufgabe für Sie." Ich fühle mich alt, schreibe mir "Sie" auf die Stirn und schlurfe zur Disposition.

"Wir haben eine Ausspielung. Menschen bei Maischberger. Die Sendung ist fertig geschnitten, du müsstest sie nur auf eine Kassette spielen." Kann ich. "Ach ja, und du müsstest dir die Sendung angucken, wir haben keine technische Abnahme mehr. Einfach nur dabei bleiben, nicht, dass das Bild schwarz wird oder so." Wie? 45 Minuten fernsehen? Das hab ich ewig nicht gemacht. Wie schwer kann das sein.

Das Thema der Sendung lautet: "Ballkleider für Hunde, Psychotherapie für Katzen – Wie weit darf Tierliebe gehen?"

Zu Gast sind einige C-Prominente: Sonja Zietlow und ein RTL-Jungel-Camp-Opfer (die beiden sitzen nebeneinander, weil sie sich ja so gut kennen und verstehen. Jaja, der australische Dschungel schweißt Menschen zusammen), ein Tierfilmer, eine Frau, die irgendwo ein Luxus-Modegeschäft für Hunde aufgemacht hat ("Meine Chanel (so heißt der Hund) fühlt sich ohne Cashmere nicht wohl") und - ganz interessant - die Vorsitzende der deutschen Pelz-Kleidungsherstellervereinigung (oder so).

Es beginnt mit der verrückten Mein-Hund-braucht-Luxus-Lady. Ihr Köter Chanel ist 4 Jahre alt. Frau Maischberger kann sich folgenden Brüller nicht verkneifen: "Wenn Chanel bald 5 wird, nennen Sie sie dann Chanel No. 5?"

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde, dass ich mich zwingen muss, weiter zuzusehen. Ich setz mich an den PC, surfe ein wenig im Internet, höre aber weiter zu. Ich gehe einfach davon aus, dass solange der Ton läuft, das Bild nicht schwarz wird.

Sendetermin ist leider schon vorbei. Die Sendung gibts aber im Internet in der Mediathek von dasErste.de. Meine Empfehlung.

Nachdem die 45 Minuten durch sind, bringe ich das Band dem zuständigen Redakteur und geh zurück zu Biggi. Uschi ist da, sie hat den Raum bereits von sämtlichen Blumen, Vasen und Süßigkeiten befreit. "Heute is nix mehr. Mach Feierabend!"

Ganz bald fährt der Moderator Stefan Pinow mit einem Kamerateam in die Provence und dreht den Rest des Films. In 2 Wochen seh ich Uschi dann wieder, wenn wir diesen sogenannten Mod-Dreh schneiden.

Freitag. Karfreitag. Frohe Ostern! Am Abend schaue ich mir die Matthäus-Passion an. Nicht.

7.4.10 17:44

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