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Woche 7 - Petra

Montag. Voller Vorfreude auf die neue Cutterin spazier ich in den WDR, guck auf den Tagesplan (der hängt im Flur aus) und bin enttäuscht: Da steht, ich soll nochmal zu Astrid gehn. Zu Astrid und Michael. Argh. Sie hatte darauf bestanden, dass ich nochmal zu ihr komme, weil ja noch ein paar Fotos vom USB-Stick zu importieren sind und sie das ja nicht alleine schafft. Also mach ich das. In den 8 Stunden werde ich 2 mal gebraucht. Tag vorbei.

Dienstag. Am Vormittag wird mein E-Piano geliefert, dafür hab ich frei bekommen. Ausschlafen, um halb 12 erst losfahren, Essen gehen und an die Arbeit!

Endlich zu Petra. Ihr langes weißes Haar weht im Wind, wenn sie läuft. Als sie das erste Mal selbstständig einen PC angemacht hat, war sie schon über 40. Damit hat sie gut 20 Jahre PC-Erfahrung, fast doppelt so viel wie ich. Doch das kann sie gut verstecken. Sie hat eigentlich ein anderes Schnittsystem gelernt und wurde jetzt auf AVID umgeschult. Sie ist langsam. Sehr langsam. Ich habe ständig das Bedürfnis, ihr die Maus aus der Hand zu schlagen um dann wild und schnell auf dem Bildschirm herumzuklicken.

Wir schneiden einen Beitrag für Ratgeber Recht. Barbara, total nette Frau, ist die Autorin. Es geht um Unternehmen, die Praktikanten ausnutzen - traumhaft. Würde der WDR doch endlich mal meine Kapazität richtig ausnutzen! Wir haben Zeitdruck. Es ist schon fast 2. Um halb 4 ist die Abnahme, dann muss der Film fertig sein. Zeitdruck und Petra - eine ungünstige Kombination. Eine unheimlich dicke Cutterin kommt Petra zu Hilfe. Wir sind zu viert im Raum - zu viel für Barbara. Als die Dicke wieder weg ist, muss sie kurz schluchzen, verlässt theatralisch den Raum, kommt verheult wieder: "Tut mir leid, das war grad etwas zu viel für mich. Wir schaffen das niiieeee in der Zeit und dann bin ich wieder die Dumme." Ich helfe noch bei einigen Effekten und der Musikauswahl. Um Punkt halb 4 sind wir fertig und drei wichtig aussehende Redakteure kommen herein, jeweils mit Notizblock in der Hand. "Dann zeigt mal her, was ihr da gemacht habt." (Subtext: "Na, Barbara, da können wir uns ja wieder auf was gefasst machen. Von dir haben wir ja schon lange nichts mehr gutes gesehen.") Doch wiedermal sind alle Befürchtungen umsonst gewesen. Die drei sind begeistert. Eine klitzekleine Anmerkung gabs noch zu irgendeiner unbedeutenden Kleinigkeit. Man will Barbara ja nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Sie strahlt den Rest des Tages über beide Ohren.

Mittwoch. Wieder zu Petra. Wieder Ratgeber Recht, diesmal mit zwei Autoren. Thema: Ein böser Anwalt, der sich darauf spezialisiert hat, für schmierige Unternehmen unkündbare Mitarbeiter und Betriebsräte loszuwerden. Ganz miese Nummer. Der lässt Leute verfolgen, zeigt sie wegen völlig unsinniger Vergehen an, verbreitet Gerüchte im Unternehmen, stellt gefälschtes Material ins Internet, das den betroffenen Mitarbeiter unvorteilhaft darstellt. Die Opfer sind oft einer jahrelangen Tortur ausgesetzt, an deren Ende sie meist aufgeben und kündigen - Ziel erreicht.

Die beiden Autoren, Hansi und Gerd, sind ein unschlagbares Team. Hansi ist zuerst da. Er macht eigentlich einen netten Eindruck, hat aber, wie ich noch erfahren werde, den ein oder anderen Aussetzer. Erst halte ich mich dezent zurück, Petra digitalisiert Archivmaterial, Hansi guckt zufrieden zu. Irgendwann ist Petra mal für ne Weile weg, da wird Hansi plötzlich ungeduldig: "Hmm, das Material brauchen wir eigentlich nicht. Ist alles unnötig." Ich fühle mich gerufen, beende die Aufnahme. Unnötiges Material - Nicht mit mir! "Eeeeeeeeeyyyyy," blafft Hansi mich an, "warte doch erstmal! Du kannst doch nicht einfach die Aufnahme beenden!" Ich setze unwillkürlich mein verdutztestestes Gesicht auf. "Aber du hast doch grad gesagt, das ist unnötig, oder nicht?" - "Jaaa, aber neiiin," quietscht er, "jetz können wir ja nichts machen!" Und nach einer kurzen Pause fügt er, wieder mit einer etwas tieferen und ruhigeren Stimme, hinzu: "Oder kannst du den nächsten Clip einlesen?" Ich schiele zu ihm herüber, beginne ganz vorsichtig zu nicken. "Ja? Kannst du das? Wenn ich dir nen Timecode sage, findest du dann die Stelle und kannst die einlesen?!" Mein als nüchtern klingend geplantes "Ja" muss in Wirklichkeit eher nach "Wer kann das bitte nicht? Das ist das einfachste, was man machen kann. Einen Timecode finden und einlesen. Das kann JEDES Kind! Was glaubst du wie doof ich bin? Nur weil ich Praktikant heiße, heißt das noch lange nicht, dass ich GAR NICHTS kann!" geklungen haben.

Also lesen wir noch ein paar Clips ein und natürlich passiert das, was jedem Autor passiert. Ein kleines, sich ständig wiederholendes Ritual, auf das ich bis jetzt bei jedem Autor gestoßen bin. Ich kann mir den WDR nicht ohne diese kaum erkennbare aber offenbar wichtige Verhaltensweise vorstellen, die sich jeden Tag viele Male irgendwo in einem der unzähligen Schnitträume abspielt. Ein schon millionenfach gesehenes Schauspiel, das doch jedes mal eine Premiere ist, frisch und unverbraucht, die bei jeder erneuten Aufführung ihren eigenen kleinen Zauber enfaltet. Und so steht es im ungeschriebenen Skript: Der Cutter oder in diesem Fall der Praktikant digitalisiert Filmmaterial von einer Kassette. Das Bild läuft währenddessen auf dem Monitor, der Autor schaut es sich nochmal an, obwohl er aus seiner Vorbereitung bereits gut kennt - er hat den Ausschnitt schließlich ausgesucht. Und wenn dann der interessante Teil vorbei ist, sagt er, leicht zögernd: "Das brauchen wir nicht mehr, da können wir rausgehen." Der Cutter oder in diesem Fall der Praktikant wartet noch drei Sekunden, ob er es sich anders überlegt und beendet die Aufnahme. Der Mausklick ist im Raum noch nicht ganz verhallt, da verkündet der Autor: "Ach nee, Moment, nimm das noch mit!" Der Cutter oder in diesem Fall der Praktikant sagt dann: "Jetzt bin ich schon raus, aber ich kann von kurz vorher nochmal anfangen," worauf der Autor erwidert: "Ach, nein, jetzt ist egal." - Damit ist diese Szene beendet, die Magie des Augenblicks klingt noch kurz nach und dann arbeitet man weiter, ohne je darüber zu reden, welchem übernatürlichen Phänomen man da gerade beigewohnt hat.

Gerd kommt herein, er ist eher der dominante Typ. Er meckert Hansi an, was für einen Mist er digitalisiert hat. Hansi ist beleidigt, schmollt. Schnell übernimmt Gerd die Führung, markiert sein Revier mit seinem Laptop, Hansi räumt das Feld, setzt sich zur Seite. Gerd lässt keine Gelegenheit aus, Hansi einen auf den Deckel zu geben. Gerd: "Hmm, wie findest du das? Können wir das so machen?" - Hansi: "Hm, wenn ich was vorschlagen dürfte, wir könnten..." - Gerd: "NEIN, wir machen das so. Ich find das gut." - Hansi: "Aber wir könnten auch..." - Gerd: "NEIIIIIIIN, wir machen das jetzt so, jetz nerv nicht!" Armer Hansi. Aber spätestens, als er mich dringend verdächtigt, seinen Kugelschreiber eingesteckt zu haben, gönne ich es ihm. ("IST DOCH NICHT WAHR, DA LÄSST MAN EINMAL SEINEN KUGELSCHREIBER LIEGEN, SCHON KOMMT SON PRAKTIKANT UND KLAUT DEN!!! oh, da ist er ja, sorry.")

Donnerstag.  Frei wegen Uni.

Freitag. Ein kurzer Beitrag für die Servicezeit, die meiste Zeit ist nichts zu tun. Ich lerne einen anderen Studenten kennen, der sein Voluntariat in den verschiedenen Redaktionen im WDR macht, ein ganzes Jahr lang. Wir vertreiben uns die Langeweile mit Lästern über Cutter, Redakteure und Autoren, über die lustigen Arbeitsabläufe, über das Arbeitsklima, über finanzielle Einsparmöglichkeiten und auf was für einfallsreiche Arten unsere GEZ-Gebühren verschwendet werden. Kurz vor Feierabend, Verwirrung, weil viele verschiedene Bänder mit verschiedenen Beschriftungen auftauchen, keiner weiß mehr genau, was wo drauf ist. Es ist mein letzter Tag im Schnitt. Ich verabschiede mich mit einem fröhlichen "Nicht mein Problem!"

19.4.10 20:52

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