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Woche 17 - Endlich alles gut.

In der vorvorvorletzten Woche meines Praktikums geht es nun endlich richtig los:

Montag. Erster Eindruck: positiv - Dienstbeginn ist erst um 9. Treffen im dritten Untergeschoss, dem Kamera-Keller, in dem fast das gesamte Equipment des WDR abholbereit gelagert wird. Da treten erste Probleme auf: Um mit dem Fahrstuhl in den Keller fahren zu dürfen, braucht man eine Chipkarte, die ich leider noch nicht habe. Kein Problem, ich frage einfach jemanden, ob er mich runterlässt. Unten angekommen treffe ich Jana, auch eine Praktikantin, die schon einige Wochen in der Abteilung ist. Sie verrät mir sofort: Wenn auf dem Plan 9 Uhr steht, kommen die Leute frühestens um viertel nach 9. Darauf kann ich mich einstellen. Ich plaudere also ein wenig mit Jana und warte währenddessen auf Martin, den Kameramann. Jana sagt: "Ach, der Martin. Da hast du Glück, das ist ein netter." Ich stutze. Sollte es so sein, dass auch nicht nette dabei sind? Dass sogar die netten rar gesät sind?

20 nach 9. Martin kommt an, wirklich ein netter. Ich stelle mich vor und wir warten noch auf Günter, den Techniker. Es läuft nämlich immer so: Ein Kameramann, ein Techniker (der hauptsächlich für den Ton verantwortlich ist) und der Autor (der auch nachher im Schnitt dabei sitzen wird) fahren zum vereinbarten Drehort, irgendwo in NRW und drehen alle nötigen Szenen, die der Autor vorgibt. Heute geht es nach: Köln. Wir beladen den weißen Ford mit WDR-Logo mit der Ausrüstung: Kamera, Stativ, Scheinwerfer, Scheinwerferstative, Akkus, Discs zum Draufaufnehmen, das SQN-Gerät für den Ton, 2 Funk-Ansteck-Mikrofone, Ton-Angel mit Mikrofon und sonstiger Kleinkram.

Der Dreh ist sehr angenehm. Wir treffen die Autorin am Drehort, einem kleinen Büdchen. Sie hat unsere "Schauspielerin" dabei, eine Schülerin, Jessica. Der Beitrag handelt von diesen asiatischen YumYum-Tütensuppen. Es ist unter 14- bis 18-jährigen nämlich momentan total in, diese trockenen Nüdelchen mit dem beiliegenden Gewürz als Snack zu verspeisen. Wir drehen einige Einstellungen. Jessica kommt ins Büdchen rein von außen, von innen, von weit weg, von nah, nur die Beine, durch die Schaufensterscheibe. Sie kauft das Tütchen, Großaufnahme Tütchen, Großaufnahme Geldübergabe. Sie geht wieder heraus, auch aus allen möglichen Perspektiven, um hinterher alles schön zusammenzuschneiden. Günter, etwa Ende 30, angelt den Ton. Günter ist übrigens Hape Kerkeling. Nicht nur klein, dick und schwul. Auch der Humor ist sehr ähnlich. Er macht die ganze Zeit kleine Witzchen in verschiedenen Dialekten. "Guckst du", sagt er und zeigt mir den Mischer. "Da muss Pegel drüber, hier muss Pegel drunter!" und er hängt mir die dicke Tasche mit dem Gerät um, drückt mir die Angel in die Hand und setzt mir den Kopfhörer auf. Wir drehen jetzt wie Jessica einen Burgerking-Burger isst. Ich achte drauf, dass man jeden Schmatzer hören kann.

13 Uhr. Feierabend. Was?! Tatsächlich: Wir haben alle Einstellungen, die wir brauchen.

Am Abend rufe ich im WDR an, um meine Einsatzzeit für den nächsten Tag zu erfahren. 9:30. Perfekt!

Dienstag. Morgenmagazin: Kinotipp. Ich fahre wieder mit Martin und diesmal mit Andreas als Techniker zu einem süßen kleinen Kino in der südlichen Innenstadt von Köln. Wir treffen dort auf die beiden Autoren, junge Leute, quirlig, humorvoll. Die ganze Zeit über werden kleine lustige Gemeinheiten ausgetauscht. Wir bauen ein paar Lampen im kleinen Kinosaal auf. Keylight, Aufheller, Spitze. Dazu noch ein bisschen Effektlicht über die Kinositze. Die Autorin spricht drei oder vier Sätze in die Kamera, Fazite zu zwei Filmen, die sie gesehen und kritisiert hat. Schon fertig. Für das dritte Fazit gehen wir hoch in den Vorführraum, beleuchten wieder, lassen den Vorführer die Filmrollen drehen, damit sich im Hintergrund was bewegt. Sie spricht wieder drei Sätze ein. Fertig. Abbauen, nach Hause gehen. Es ist 14 Uhr.

Mittwoch. Es gibt noch Menschen ohne Humor. Anstrengende Menschen. Menschen, die viel reden. Kurz: Jörg.

Aber von vorne: Kameramann ist René, ein netter, leicht desinteressierter, motivationsloser Typ. Techniker ist Hakan. Ein recht einfacher Kerl, überraschenderweise ohne türkischen Akzent, überraschenderweise sehr lange Haare. Macht nen Eindruck wie ein 25jähriger, ist aber überraschenderweise schon 35. Hat eine Tochter, 5 Jahre alt, hat eine Frau, die mit seiner zweiten Tochter schwanger im Krankenhaus liegt. Davon wird er uns detailliert erzählen. Er wird uns auch die SMS vorlesen, die seine Frau ihm etwa stündlich auf sein iPhone schickt. Mit ihm quatsche ich ein bisschen und denke mir schon: Dieser Tag wird anstrengend, wenn das so weitergeht. Aber da kannte ich Jörg noch nicht.

Das Thema ist: ServiceZeit, Bauen und Wohnen, "Blei in Trinkwasserarmaturen". Autor dieses Beitrags ist Jörg, Anfang 70, studierter Chemiker und berühmt-berüchtigter Medizin-, Bio- und Wirtschafts-Action-Aufdeckungs-Journalist. Das klingt erstmal spannend. Aber wenn Jörg davon erzählt, will man nur wegrennen. Ein leichtes parkinsonsches Zittern begleitet seine gähnend langweiligen aber dafür episch langen Erzählungen und Erläuterungen. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass, wenn das Leben mit 66 Jahren noch nicht angefangen hat, es dann auch zu spät dafür ist.

Es beginnt damit, dass Jörg 20 Minuten zu spät kommt. 20 kostbare Minuten, die ich gerne anders verbracht hätte als mit Hakan zu smalltalken. Wir fahren nach Bonn, in eine Privatwohnung. Dort wohnt eine kleine Familie mit kleinen Kindern. Es soll in dem Beitrag deutlich werden, dass man das Wasser, das man zur Zubereitung von Baby-Milch benutzen will, erstmal etwas laufen lassen sollte, damit die ganzen Gifte, die sich aus den Leitungen gelöst haben nicht mit in die Nahrung kommen. Darüber beginnt Jörg bereits zu erzählen. Hakan stellt interessiert wirkende aber dumme Zwischenfragen, die Jörg ausführlich gerne beantwortet. "Und was ist mit Zink in den Leitungen?" - "Ja, draum gehts jetzt zwar gerade nicht, aber dazu kenn ich auch 500 interessante Geschichten. Ich fange mal mit der ersten an..." -.- Kleine lustig gemeinte Einwürfe verkneife ich mir bald, denn ein auflockerndes "Hehehe, Eisen ist doch eigentlich ein wichtiger Nährstoff, hehehe" quittiert Jörg knallhart mit einem humorlosen: "Nein, also die Leitungen sind ja nicht aus Eisen und die Stoffe, die da ins Wasser gelangen, sind giftig und blaaaaaaaaaaaääärgh".

Wir erreichen die riesige Albauwohnung. Das junge Ehepaar, auch beide in der Medienbranche tätig, führt uns herum. Wir bleiben in der Küche und drehen 3 kurze Einstellungen, wie Wasser aus dem Hahn in einen Topf gefüllt wird. Man könnte meinen, das geht schnell. Aber nicht mit Jörg. Er schreibt zum Beispiel genau vor, wie die Hand, die den Wasserhahn aufdreht, sich bewegen muss. Und er tut das mit einer Arroganz als wären wir alle seine unfähigen Handlanger. Wir unterbrechen die Arbeit, weil Jörg uns einen Vortrag hält, dass warmes Wasser noch wärmer wird, wenn man den Wasserhahn ein bisschen herunterdreht. Die junge Mutter dreht daraufhin den Hahn etwas zu. Jörg war das nicht genug. Er zittert hin und dreht den Hahn noch weiter zu. Das Wasser wird tatsächlich wärmer, Jörg ist ein Held. Ich mache einen Vorschlag für die nächste Einstellung, Jörg sagt dazu gereizt: "NEIN, ich will das aber so haben!" Etwa 4 arbeitsklimatisch bedenkliche Stunden später sind wir in der Wohnung fertig. René hat stumpf alles durchgefilmt, lässt sich nichts anmerken. Hakan scheint die Situation überhaupt nicht als unangenehm zu empfinden. Das Ehepaar verabschiedet uns sichtlich genervt. Als sie mir die Hand geben, setze ich meinen "Tut mir leid, wir können nichts dafür"-Blick auf.

Wir fahren für die Pause zum Italiener, einem kleinen Restaurant, das Jörg kennt und in dem er auch schon zu Studentenzeiten gerne gegessen hat. Wie ich mich darauf freue, mit diesen Gestalten Mittag zu essen. Wir erreichen das möglicherweise vornehmste italienische Restaurant Bonns und es gibt nichtmal Pizza auf der Speisekarte. Ich bestelle eine Handvoll Nudeln mit einem Klecks Soße für 16 Euro. Es schmeckt sehr gut. Jörg referiert über die Qualität des Essens und die frischen Meeresfrüchte, die über Nacht angeliefert werden. Wir kommen (wie es in einem italienischen Restaurant obligatorisch ist) auf das Thema Geldwäsche. Jörg holt aus zu einer unglaublichen Geschichte. Er hat unter falscher Identität mit einem vom WDR gemieteten und umgebauten Geldtransporter Kontakte zu Geldwäscher-Kreisen hergestellt und durch geschickte Verhandlungen tiefe Einblicke in den Ablauf dieses Milliarden-Geschäfts bekommen. Er lässt kein unwichtiges Detail aus. ER hat eine große Reportage darüber gedreht, wie leicht es ist, bei den bekanntesten deutschen Banken Geld zu waschen. ER wird nicht müde zu betonen, wie groß SEINE Rolle in dieser Geschichte war und wieviele Köpfe ER hat rollen lassen. ER wurde im Anschluss von verschiedenen Staatsanwaltschaften und sogar vom FBI angefragt, ob ER nicht für sie arbeiten wolle, weil bisher niemand so lebensnahe Ermittlungen angestellt hatte wie ER. Wäre eine sehr interessante Geschichte für den Mittagstisch, wäre sie mit etwas weniger Selbstgefälligkeit vorgetragen worden.

Auf der Fahrt vom Italiener zu Jörgs Büro, in dem wir noch eine kleine Einstellung einer Internetseite vom Bildschirm abfilmen müssen, kommen wir (wie auch immer?!) auf das Thema Acrylamid, dieser krebserregende Stoff in zu heiß gebadeten Pommes und Chips. ER hat ja damals als erster überhaupt damit angefangen darüber zu berichten und ER hatte ja das einzige Labor um die Lebensmittelproben zu testen (ER ist ja auch Chemiker) und ER ist eh der geilste und eigentlich auch beste Mensch auf dem ganzen Planeten. Es ist nicht so, dass er dummes oder falsches Zeug erzählt. Er hat wirklich eine riesige Allgemeinbildung und dazu in Biologie, Chemie, Medizin und Wirtschaft sehr sehr spezialisiertes Wissen auf aktuellstem Stand. Nur WIE er seine Geschichten verkauft, ist für mich unerträglich.

ER hat einen kleinen Roboter-Staubsauger in SEINER Bürowohnung, den ER uns eine halbe Stunde lang vorstellt (weil Hakan alles über dieses Teil wissen will). Mit welchen Algorithmen der die Wohnung abfährt, wie lange der Akku hält, wie diese Dinger entwickelt werden, wie gut sie funktionieren, dass man auch einstellen kann, nur erstmal einen Raum zu saugen und dann den Rest der Wohnung (mittels Infrarot-Schranken) und WEN INTERESSIERT DAS???

Kurz vor 6. Wir sind endlich fertig mit dem Dreh. Vor dem fluchtartigen Verlassen der Wohnung will ich noch kurz aufs Klo. Bereits vor der Tür ahne ich einen beißenden Pisse-Geruch. Ein Bild des Grauens erwartet mich: Alte klätschige Handtücher, auf allen Ablagen Staub und Fingernägel, der Duschvorhang leicht verschimmelt, ein bestialischer Gestank. Hier wurde seit Jahren nicht mehr sauber gemacht (mit Ausnahme vom regelmäßigen Saugen durch den kleinen Roboter).

ER hat ein dreckiges Badezimmer. HA!

Donnerstag. Mal wieder mit Martin und Günter (wie am ersten Tag) unterwegs. Ein Steinway-Klavier-Geschäft in Düsseldorf. Wir drehen die kitschige Geschichte einer Frau, die sich in einen Pianisten verliebt hat. Nicht im Ansatz romantisch. Beide haben sich füreinander vom ersten Ehepartner scheiden lassen. Dabei passen die überhaupt gar nicht zusammen. Das sage ich ihnen aber nicht. Sie sehen so glücklich aus. Und das noch nach 15 Jahren Ehe. Es geht außerdem um den Zyklus "Bilder einer Austellung" von Modest Mussorgsky, einem russischen Komponisten. Der Pianist spielt daraus einige Ausschnitte und stülpt dabei ganz unschön die Unterlippe komplett über die Oberlippe. Dass dieses Mauerblümchen einer Frau sich in diesen Anblick verliebt hat, können die mir nicht erzählen! Wie auch immer: Angenehmer Dreh, 13 Uhr Feierabend.

Freitag. Wieder mit Martin. Techniker ist diesmal Mark, ein netter Typ, kurze graue Haare, etwa Ende 40. Ein Dreh für "Tiere suchen ein Zuhause". Geht um einen krefelder Rentner, 72 Jahre alt, der sich fürchterlich aufregt, dass er keinen Hund mehr vom Tierheim bekommt, weil er zu alt dafür sei. Leider regt er sich nicht fürchterlich genug darüber auf. Auch sonst hat er im Interview nicht viel zu erzählen. Die Autorin verzweifelt. "Da muss ich mir was einfallen lassen, sonst wird das ein völlig substanzloser Beitrag." Sie lässt sich was einfallen: Wir gehen auf einen Feldweg in der Nähe und drehen ein zweites Interview. Sie stellt ihre Fragen intensiver und suggestiver. Aber der Rentner gibt nichts anderes von sich. Sie muss ihn auch immer wieder darauf hinweisen, die Frage mit in die Antwort aufzunehmen. Sonst antwortet er nämlich mit einem kurzen "Nein" oder "Ja, da sollte auf jeden Fall etwas passieren."

Kurz nach 2, Drehschluss. Aus dem alten haben wir nichts mehr herausgekriegt, die Autorin sieht sehr unglücklich aus. Statt zurück nach Köln, fahre ich direkt von Krefeld aus mit dem Zug nach Essen. Woche geschafft! Fazit: Viele interessante Menschen und Geschichten kennengelernt. Hier ist nicht viel Platz für Langeweile. Ich freue mich sehr auf die verbleibenden drei Wochen.

 

30.6.10 18:50

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